Der den Schrank stemmt Neu  |  12.06.2019 08:00

„Atlas“ ist ein starkes Spielfilmdebüt, das vom Drama eines Mannes erzählt, der nach vielen Jahren durch Zufall seinen Sohn wiederfindet – und nun alles versucht, um ihn vor einem kriminellen Immobilienclan zu schützen.

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Walter ist Möbelpacker für Zwangsräumungen. Als ehemaliger Gewichtheber kann er auch jetzt noch mehr schwere Möbel heben als alle seine jüngeren Kollegen zusammen, doch auch seine Kraft lässt langsam nach.
Kündigen will Walter nicht, seine Arbeit ist alles, was er hat. Doch als er eines Tages bei einer geplanten Zwangsräumung feststellt, dass es sich bei dem Mieter um seinen Sohn Jan handelt, entscheidet Walter, dass er den Weg zurück zu Jan finden muss, den er verlassen hat, als dieser noch klein war.
Jan jedoch hat ganz andere Probleme: Ein Immobilien-Clan will ihn aus seiner Wohnung drängen, zur Not auch mit Gewalt. Walter will alles tun, um Jan zu helfen, doch als er begreift, wie groß die Gefahr ist, in die er sich damit begibt, ist es schon fast zu spät.
David Nawraths Spielfilmdebüt „Atlas“ entwickelt gewaltige emotionale Wucht und überrascht mit seinen unvorhersehbaren und in großer Ruhe vorbereiteten Dramaturgie. Dabei wirken die Menschen, Situationen und Dialoge nie gekünstelt oder inszeniert, immer herrscht der Eindruck, hier habe man ein Stück Wirklichkeit eingefangen und in starken Bildern auf die Leinwand gebannt.
Als Handlungsort wird Frankfurt am Main in seiner unverbrauchten Rauheit abseits von Hochfinanz und Geldanlagen wunderbar genutzt. Die Kamera von Tobias von dem Borne ist immer ganz nah an den Protagonisten und findet ausdrucksvolle und symbolische Bilder wie etwa am Anfang, als Walter einen Schrank stemmt und somit dem Film seinen symbolträchtigen Namen verleiht.
Rainer Bock bewegt sich als Walter mit stoischem Ausdruck durch den Film. Doch als sein Wunsch, immer unter dem Radar durchs Leben zu gehen, von der Begegnung mit seinem Sohn komplett über den Haufen geworfen wird, merkt man die große Stärke Bocks, die Figur förmlich mit Leben und Energie zu füllen.
Auch der Rest des Ensembles überzeugt in Spielgenauigkeit und Authentizität. Uwe Preuss als ambitionierter und überforderter Firmenchef, der mit seinen Leuten zwar einen kumpelhaften Umgang pflegt, aber sich mit den falschen Leuten einlässt; Thorsten Merten als Gerichtsvollzieher, der durch Scheidung und Alkoholsucht eine gebrochene Existenz ist, jedoch sein Leben in der Gewissheit lebt, dass es sowieso nicht mehr besser wird. Und da ist noch Albrecht Schuch, der Jan als offenen und grundehrlichen Menschen verkörpert, der entschlossen ist, sich gegen den Immobilienclan zu stellen.
Kurz und bündig: „Atlas“ von David Nawrath ist ein starkes Debüt, das mit ruhigem filmischem Fluss einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.
 
„Atlas“ ist frei ab 12