Es wird immer weniger geturtelt 15  |  06.11.2019 00:10

Die Turteltaube ist der Vogel des Jahres. Die gefiederte Liebesbotin ist hierzulande bedroht durch Verlust von Lebensraum und Nahrung: Fast 90 Prozent sind bei uns verschwunden.

Bilder
ES WIRD IMMER WENIGER GETURTELT: Die farbenfrohe Turteltaube ist der Vogel des Jahres 2020. Bei uns ist die einst weit verbreitete Art vom Aussterben bedroht.

ES WIRD IMMER WENIGER GETURTELT: Die farbenfrohe Turteltaube ist der Vogel des Jahres 2020. Bei uns ist die einst weit verbreitete Art vom Aussterben bedroht.

Foto: Manfred Delpho

Sie ist ein Symbol für die Liebe, ihre Lebensbedingungen sind aber wenig romantisch: Die farbenfrohe Turteltaube wurde vom Nabu und seinem bayerischen Partner LBV (Landesbund für Vogelschutz) zum „Vogel des Jahres 2020“ gewählt.
Damit wollen die Verbände auf die starke Gefährdung aufmerksam machen. Seit 1980 sind in Deutschland fast 90 Prozent dieser Art verschwunden, ganze Landstriche sind turteltaubenfrei. Unsere kleinste heimische Taubenart findet kaum noch geeignete Lebensräume. Zudem ist sie durch die legale und illegale Jagd im Mittelmeerraum bedroht.
Während man früher das markante Gurren der Turteltaube an jedem Dorfrand oder Flussufer hören konnte, herrscht heute dort zunehmend Stille: Es fehlen Wildkräutersamen und Feldfrüchte als Nahrung. „Auch bei uns wird immer weniger geturtelt, weil die Vielfalt an Lebensräumen und Nahrungspflanzen verloren gegangen ist. Die scheue Turteltaube hat ihren Verbreitungsschwerpunkt nur in wenigen Regionen des Landes. Sie lebt vor allem in niedrigen Höhenlagen bis 450 Meter, besonders wohl fühlt sie sich in Auwäldern, Feldgehölzen, an Waldrändern und Waldlichtungen, teilweise auch in Gärten und Parkanlagen“, sagt Dr. Stefan Bosch vom Nabu Baden-Württemberg.
 
Lebensraum, Nistplätze und Nahrung werden weniger
 
Die Intensivierung der Landwirtschaft verschlechtert die Lebensbedingungen der Turteltauben und vieler anderer Feldvögel enorm. Durch die Ausweitung von Anbauflächen gehen Brachen, Ackersäume, Feldgehölze und Kleingewässer verloren, damit verschwinden Nistplätze sowie Nahrungs- und Trinkstellen. Viele Äcker werden mit Herbiziden frei von Ackerwildkräutern gehalten - somit fehlt dem Vogel die Nahrungsquelle. Außerdem ist chemisch behandeltes Saatgut vergiftete Nahrung. Der Nabu kämpft seit Jahren für eine EU-Förderung der Landwirtschaft, die Natur erhält anstatt sie zu schädigen.
Auch jeder Einzelne kann die Turteltaube unterstützen: „Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen, die früher oft in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, um den Boden fruchtbarer zu machen, schmecken auch der Turteltaube. Wer also Linsen mit Spätzle aus regionalem, biologischem Anbau isst, sorgt dafür, dass auch die Turteltaube auf unseren Äckern mehr Futter findet“, sagt Stefan Bosch.
 
Vogeljagd gefährdet bedrohte Art zusätzlich
 
Eine zusätzliche Bedrohung ist die Vogeljagd im Mittelmeerraum. „Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die jährlich mehr als 1,4 Millionen in der EU legal geschossenen Turteltauben von der Art nicht mehr verkraftet werden können. Besonders skandalös: In manchen Ländern gilt das Schießen als Sport zum reinen Vergnügen“, sagt Eric Neuling, Vogelschutzexperte beim Nabu.
Um den gefiederten Liebesboten zu schützen, fordert der Verband die Bundesregierung mit einer Petition (www.vogeldesjahres.de/petition) auf, sich neben einer verbesserten Landwirtschaftspolitik auch für das dauerhafte Aussetzen der Abschussgenehmigungen in den EU-Mitgliedsstaaten einzusetzen.