Klassenkampf mit dem Riechorgan Neu  |  08.01.2020 14:00

„Parasite“: Mulmige Parabel auf die Gesellschaft aus der Feder des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho.

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Den menschlichen Körpergeruch begreifen wir gemeinhin als etwas Persönliches: Er ist unverwechselbar und selbstverständlich intim. Herr Park jedoch ist davon überzeugt, dass er sich einer Klasse zuordnen lässt. Der Geruch der Armen geniert ihn. Er riecht ihn auf dem Rücksitz seiner Luxuslimousine und fürchtet, dass seine teuren Anzüge ihn annehmen könnten.
Eines Abends, als er und seine Frau sich allein im Wohnzimmer wähnen, nimmt Herr Park erneut die Witterung der Armut auf. Seine Nase täuscht ihn nicht: Tatsächlich haben sich die Hausangestellten unter dem Tisch versteckt.
Diese Szene aus „Parasite“ ist ein Kabinettstück des vieldeutigen Suspense, zu der es in „The Mother“, den Bong Joon-ho vor zehn Jahren drehte, ein prächtiges Gegenstück gibt. Dort hat sich die Titelheldin in der Wohnung eines schlafenden Verdächtigen versteckt, und das Publikum fiebert mit ihr, als sie sich hinausschleicht, eine Wasserflasche umstößt und nun fürchten muss, dass das auslaufende Wasser die Fingerspitzen des Schlafenden erreicht.
Der südkoreanische Regisseur besitzt ein einzigartiges Talent, lyrische Suspense-Momente zu inszenieren, in denen die Sinneswahrnehmung Grenzen überschreitet - auch die des Erzähltons: In ihrer Mischung aus Slapstick, Anspannung und Irrealem fungiert die Wohnzimmerszene als ein Kondensat von Bong Joon-hos mulmiger Gesellschaftsparabel.
Die Begegnung der Klassen vollzieht sich nicht als ein gedeihliches Nebeneinander, sondern als verhängnisvolle Heimsuchung. Zwei Familien stehen einander gegenüber, deren Struktur mit Eltern, Sohn und Tochter zwar identisch ist, die sich aber durch Status, Lebensweise und Familiensinn radikal voneinander unterscheiden. Die Kims um ihren Vater (Song Kangho), sind erfinderische Habenichtse, die Villa und Leben der reichen Parks infiltrieren. Als Nachhilfelehrer, Chauffeur und Haushälterin machen sie sich bald unentbehrlich und schröpfen ihre Arbeitgeber nach Strich und Faden. Das gelingt nicht zuletzt, weil der dünkelhafte Hausherr (Lee Sun-kyun) ebenso berechenbar ist wie seine arglose Gattin.
„Erstaunlich, wie viel Geld aus diesem Haus in unseres fließt“, frohlockt Vater Ki-taek. Aber sodann treten Komplikationen auf, die die Machtverhältnisse aus den Angeln heben.
Die Erzählkonstellation erinnert an „The Housemaid“ von Kim Ki-young. Die Zerfleischung der Gesellschaft aber beschreitet hier andere Wege. „Parasite“ kommt ohne moralische Instanz aus, der Titel ist keineswegs so eindeutig, wie man zunächst vermuten mag. Und es gibt keine Sieger in diesem Klassenkampf, vielmehr schockierende Nuancen von Verlust.
Bong Joon-ho hat sichtbares Vergnügen daran, der Niedertracht unverhoffte Schattierungen zu verleihen; die Hierarchien von Sympathie und Identifikation sind nicht unumstößlich. Dieses Klima sittlicher und psychologischer Instabilität fußt auf einer Inszenierung, die ungeschützte Lebensräume achtsam und dynamisch erkundet. Die steril moderne Villa der Parks ist ebenso wenig gegen Verheerungen gefeit wie die schäbige Souterrainwohnung der Ki-taek. Und: Sie besitzt Räume, von deren Existenz die Besitzer nichts wissen.
 
„Parasite“ ist frei ab 16